Wer spielt schon Schach in Brandenburg!?

Zuallererst möchte ich mich bedanken, dass Sie diesen Artikel lesen. Dies zeigt mir, dass es doch noch Menschen gibt, die sich für Jugendschach in Brandenburg interessieren und wir uns noch nicht selbst matt gesetzt haben. Ein Bauer kann sich noch umwandeln!

Als Anlass für diesen Artikel habe ich die LEM 2015/16 genommen, wo erschreckende Fakten beim genaueren Hinsehen noch einmal verdeutlicht werden.

Nachdem ich ein wenig in den DWZ-Listen des DSB recherchiert habe, war mir klar, so geht das nicht weiter Brandenburg. Um mich aber kurz vorzustellen: Ich bin Felix Teichert und spiele seit fast 3 Jahren bei den Leegebrucher Schachfreunden. Ich bin 18 Jahre alt, habe eine DWZ von 1828 und zweimal an der Offenen Deutschen Jugendmeisterschaft u25 teilgenommen.
Dabei möchte ich als erstes verdeutlichen, dass ich nie in einen Verein eingetreten wäre, hätte man mich nicht dreimal angesprochen. Und hier liegt meiner Meinung nach das erste Problem: Es wird zu wenig Werbung gemacht, seitens der Vereine, Schulen und auch des LSBB. Ich kenne viele Schachspieler, die nicht in einem Verein sind; viele kommen erst in einen Verein, wenn man sie aktiv wirbt. Es gibt bestimmt viele junge Talente da draußen, die nur im Internet und in der Schule Schach spielen. So gehen jedes Jahr ein paar mehr potenzielle Spieler dem LSBB verloren…

Aber das ist nicht das Hauptproblem, ich denke es fehlt im Prinzip an Engagement.

So kommt es, dass nicht alle Plätze bei der LEM belegt sind. Nach Anmeldeschluss am 16.12.2015 waren nur 65 Spieler/innen angemeldet! Davon 11 Teilnehmer in der u8.

Besonders ist hierbei für diesen Zweck die u10 bis u18 zu betrachten. Es waren nur 54 Spieler/innen von insgesamt 80! angemeldet. Es scheint so, als gäbe es gar keinen Konkurrenzkampf um diese Plätze… Momentan am 23.12.2015 sind „schon“ 37 Jungs und 22 Mädchen angemeldet, macht insgesamt 59/80. Eine miese Quote, ist meine Meinung dazu.

Besonders beim Mädchenschach muss noch mehr getan werden! Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, warum die Situation im Schach so ist. Dennoch tut sich hier etwas, um auch ein bisschen zu loben. Ein paar Zahlen zum Mädchenschach im Jugendbereich: Es gibt 37 Spielerinnen u18 mit einer DWZ, dem gegenüber stehen 252 Jungs. Somit haben die Mädchen einen Anteil von immerhin rund 12,8%. Das ist wenig, aber im Vergleich zu allen deutschen Spielern und Spielerinnen viel, wo der geschätzte Anteil bei ca. 6-8% liegt.

Dennoch darf man hier nicht locker lassen, besonders Mädchen zu fördern! Um die Ernsthaftigkeit zu verstehen, folgende Situation. Ich habe eine Zwillingsschwester… ich müsste ihr nur ein paar Regeln und Strategien beibringen, was uns vielleicht 3h kosten würde,  anschließend melde ich sie zur LEM an, REM ist eigentlich flüssiger als Wasser (überflüssig) und sie würde eine Bronzemedaille bei der LEM u18w bekommen…Ich hoffe Sie verstehen, dass das leider keine Ironie ist 🙁

Gesamtsituation:

Um die erschreckende Gesamtsituation in Brandenburg zu verdeutlichen, belege ich das nun anhand weiterer Zahlen aus dem DSB.

Um anzufangen nehme ich mal die besten 80 Spieler/innen u18 aus Brandenburg, unabhängig vom Geschlecht, da es ja ein generelles Jugendproblem gibt. 80 deshalb, weil jeweils 40 bei den Jungs und Mädchen startberechtigt sind und eine Trennung ist für diesen Zweck nutzlos, da es ja nur 37 Spielerinnen u18 gibt und ich die Gleichberechtigung verdeutlichen möchte.

Ich denke Sie stimmen mir zu, dass es generell mehr stärkere Spieler/innen gibt, je größer die Menge an Spielern/innen ist (deshalb sind Mädchen auch gleich gut, es gibt nur weniger s.o.). Von diesen 289 Spielern/innen hat der 80. eine DWZ von 1236, unser Mirko, der momentan die Rangliste anführt, hat 2131.

Nehmen wir mal als Vergleich unser Nachbarbundesland Sachsen-Anhalt. Brandenburg hat ca. 2,45 Mio Einwohner, Sachsen-Anhalt hat 2,277 Millionen laut Google. Sie haben also sogar ein paar weniger Einwohner, doch das erschreckende Ergebnis (für uns): 434 Spieler/innen u18!!! Brandenburg hat 289… Das wirkt sich auch massiv auf die Stärke aus, dort hat der 80. eine DWZ von 1388, das sind 152 DWZ mehr als bei uns… Der stärkste Spieler hat dort 2219, sprich 88 DWZ mehr.

Und erstaunlicherweise (ist es wirklich erstaunlich?!) folgen dort 2 Mädchen, Josefine Heinemann mit 2203 und WFM Fiona Sieber mit 2148. Ich denke man kann sich gut das Ergebnis bei einer DVM oder auch DEM vorstellen, was ja auch leider immer wieder die Praxis zeigt…

Das Schlimmste ist, dass ja nun Sachsen-Anhalt auch nicht der allergrößte Vorzeigelandesschachverband ist, soweit ich weiß.  Nun könnte man denken, dass generell mehr Schach in Sachsen-Anhalt gespielt wird.

Um die Untersuchung fortzuführen, muss ich nun verschiedene Altersklassen aufsplitten, da man sich immer nur die Top 1000 in den DWZ-Listen anzeigen lassen kann. Macht 697 u50 + 623 Rest = 1320 Spieler/innen im Schachbund Brandenburg! Für unseren Nachbarn sind 807 u40 + 611 u60 + 510 Rest = 1928 Spieler/innen! Man kann also durchaus sagen, dass dort Schach populärer ist.

Da uns ja besonders der Jugendanteil interessiert, nun folgende Zahlen:

Brandenburg hat einen Anteil an u18 von 21,9 %, Sachsen-Anhalt einen Anteil von 22,5%. Es wird also ein wenig mehr im Jugendbereich getan, als bei uns. Erschreckend für alle Erwachsenen sollte auch sein, dass Schach hier so unpopulär ist, Sachsen-Anhalt ist schließlich ein Nachbarbundesland und der Unterschied ist gewaltig.

Wenn wir nicht im Schachsport aussterben wollen, müssen wir alle etwas tun!!! Ich kann ehrlich gesagt unsere Jugendlichen verstehen, wenn sie überhaupt keine Motivation haben, an solchen Meisterschaften teilzunehmen…

Ich kann aus Erfahrung sagen, dass man auf einer solchen deutschen Meisterschaft als Brandenburger fast „ausgelacht“ wird 🙁 Wir müssen schon darum kämpfen, nicht Letzter zu werden – im wahrsten Sinne des Wortes – …und zwar mit Bundesländern wie dem Saarland, die 1,5 Mio weniger Einwohner haben. Hier hat im u18 Bereich der 80. eine DWZ von 895 und der Stärkste 2272. Oder mit Mecklenburg Vorpommern, die rund 900 tausend Einwohner weniger haben als wir. Hier hat der 80. u18 eine DWZ von 1187 und der Stärkste 1941. Bremen hat 546 tausend Einwohner und dennoch hat die 80. eine DWZ von 982 und der Stärkste ist GM Matthias Blühbaum mit 2608 DWZ…

Klar dürfte aber sein, gegen Bundesländer wie NRW mit 17,8 Mio Einwohnern, wo der 80. u18 eine DWZ von 1825 hat und der Beste wieder GM Matthias Blühbaum ist, hat man so keine Chance. Ich zähle jetzt nicht alle Schachverbände auf, jeder dürfte sich jetzt ein entsprechendes Bild malen können. Alle die schon an solchen Meisterschaften teilgenommen haben, wissen, wovon ich spreche.

Fazit und Lösungsvorschläge:

Ich kann alle Spieler/innen in Brandenburg verstehen, die schon gar nicht an der LEM teilnehmen, um dann letztendlich auf der DEM „abgeschlachtet“ zu werden. Nun ist es ja so, dass immer nur die Besten dort teilnehmen und nicht die besten 80.

Daher könnte und müsste man die Talentförderung verbessern und mehr Jugendliche in die Vereine holen. Davon profitieren alle, sonst stirbt der Schachsport in Brandenburg allmählich aus… Ich persönlich habe immer das Gefühl, dass es nur einen wesentlichen Leistungsstützpunkt für Jugendschach in Brandenburg gibt und der heißt Potsdam.

Hier sitzen im Generellen unsere stärksten Jugendspieler, schauen Sie sich doch die DWZ-Liste(n) unten bei den Quellen an. In der u25 vermischt sich das ein bisschen mehr, hier kommen noch ein paar „kleinere“ Stützpunkte zum Vorschein. Nur wenige Jugendliche können immer nach Potsdam fahren, um ein entsprechendes Training zu bekommen. Sicherlich gibt es Kadertraining in verschiedenen Regionen, aber die Frage ist, ob das so wirklich effizient ist, wenigstens denkt man schon mal in die richtige Richtung…

Viel besser wäre es, wenn man z.B. fünf „Stützpunkte“, wie Potsdam hätte, einen im Süden, Norden, Osten, Westen und Potsdam in der Mitte. Hier sind alle Vereine gefragt, ein entsprechendes und regelmäßiges Training zu bieten und Jugendliche in den Verein zu holen! Doch nicht nur die Vereine sind gefragt, Schulen, alle Erwachsenen, Eltern, Jugendliche, der gesamte LSBB und die Liste kann man noch fortführen…

Um alles zu schaffen, braucht man viel Arbeit, Ehrenamtliche und Engagement. Das kommt leider von zu wenigen, ist meine Meinung. Die Idee „Jugendschach in Brandenburg“ ist ein Anfang, aber bisher macht in meinen Augen das Meiste Martina Sauer; sie kann auch nicht alles alleine machen.

Sicherlich gibt es noch viele Weitere, die ich nicht alle erwähnen kann, aber unterm Strich sind es zu Wenige. Jeder Einzelne kann und sollte seinen Beitrag leisten! Von daher mal ein großes Dankeschön an alle, die sich ein bisschen ehrenamtlich engagieren, das meine ich nicht nur für Schach, sondern auch generell! 🙂

Wenn Sie diesen ganzen Artikel gelesen haben, danke ich Ihnen und wünsche Ihnen ein frohes, gesegnetes Fest und einen guten Start ins neue Jahr mit hoffentlich vielen Verbesserungen und neuen Ideen! Und dennoch viel Erfolg bei der DVM Brandenburg, zeigt unsere noch vorhandene Stärke!!!

Ihr Felix Teichert

Quellen, Stand 23.12.2015:

alle Spieler/innen u18 Brandenburg:
http://www.schachbund.de/verband.html?zps=D&Liste=Top+500&Alter_von=0&Geschlecht=&Alter_bis=18

u18 Spieler Brandenburg:
http://www.schachbund.de/verband.html?zps=D&Liste=Top+500&Alter_von=0&Geschlecht=m&Alter_bis=18

u18 Spielerinnen Brandenburg:
http://www.schachbund.de/verband.html?zps=D&Liste=Top+500&Alter_von=0&Geschlecht=f&Alter_bis=18

u25 Spieler/innen Brandenburg:
http://www.schachbund.de/verband.html?zps=D&Liste=DWZ-Liste&Alter_von=0&Geschlecht=&Alter_bis=25

u18 Spieler/innen Sachsen-Anhalt:
http://www.schachbund.de/verband.html?zps=G&Liste=Top+500&Alter_von=0&Geschlecht=&Alter_bis=18

u18 Spieler/innen NRW:
http://www.schachbund.de/verband.html?zps=6&Liste=DWZ-Liste&Alter_von=0&Geschlecht=&Alter_bis=18

u18 Spieler/innen Saarland:
http://www.schachbund.de/verband.html?zps=9&Liste=DWZ-Liste&Alter_von=0&Geschlecht=&Alter_bis=18

u18 Spieler/innen Mecklenburg-Vorpommern:
http://www.schachbund.de/verband.html?zps=E&Liste=DWZ-Liste&Alter_von=0&Geschlecht=&Alter_bis=18

u18 Spieler/innen Bremen:
http://www.schachbund.de/verband.html?zps=B&Liste=DWZ-Liste&Alter_von=0&Geschlecht=&Alter_bis=18

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